Bei manchen Alben stimmt nicht nur die Qualität der einzelnen Songs. Sie besitzen eine eigene Temperatur, eine Farbe und eine Atmosphäre, die sich vom ersten bis zum letzten Stück durchzieht. Genau das ist für mich bei Jordan Rakeis Origin der Fall.
Das 2019 erschienene Album klingt gegenüber seinem Vorgänger Wallflower fast wie ein Neuanfang – wie der Moment, in dem ein Künstler nach Jahren des Suchens plötzlich seinen eigenen Sound gefunden hat.
Jordan Rakei verbindet hier Neo-Soul, elektronische Musik, R&B und modernen Jazz. Letzteren hört man weniger in ausgedehnten Soli als in den komplexen Akkorden, den verschobenen Rhythmen und den ungewöhnlichen Entwicklungen innerhalb der Songs. Trotzdem wirkt die Musik nie verkopft. Sie bleibt warm, sinnlich und emotional.
Und dann ist da natürlich seine Stimme.
Ich mag besonders, wie er einzelne Töne nicht einfach beendet, sondern sie leicht brüchig nachschwingen lässt. Er muss nicht laut oder demonstrativ groß singen. Seine Stimme wirkt oft zurückgenommen und intim, besitzt aber gerade dadurch eine enorme Präsenz.
Ein Album mit einer durchgehenden Geschichte
Origin ist für mich sein stimmigstes Album, weil es nicht nur einen gemeinsamen Sound besitzt, sondern auch eine vollständige Geschichte erzählt.
Rakei beschäftigte sich mit der Frage, was die zunehmende Digitalisierung mit uns Menschen macht. Jeder Song beleuchtet dabei einen anderen Aspekt: künstliche Welten, technische Kontrolle, den Verlust echter Kommunikation, die Manipulation unserer Wahrnehmung und die Gefahr, dass wir trotz permanenter Vernetzung innerlich immer einsamer werden. Als Inspiration dienten ihm unter anderem dystopische Stoffe wie Black Mirror und Gedanken über die zukünftige Entwicklung des Menschen.
Das Album beginnt mit „Mad World“ beinahe wie ein Film. Die Welt wirkt unruhig, fremd und zunehmend von Kräften bestimmt, die der Einzelne kaum noch kontrollieren kann. Musikalisch ist der Song beweglich und eingängig, doch unter der Oberfläche liegt ständig eine gewisse Nervosität.
Warum gerade dieses Album?
Auf dem Vorgängeralbum Wallflower hört man bereits seine große Begabung und viele der Zutaten, aus denen später sein Stil entsteht. Aber die unterschiedlichen Einflüsse stehen noch stärker nebeneinander.
Auf Origin verschmelzen sie plötzlich zu einer eigenen Klangwelt.
Die elektronische Produktion klingt futuristisch, seine Stimme bleibt warm und menschlich. Jazzharmonien, Soul, Chöre, Synthesizer und ungewöhnliche Rhythmen gehören hörbar zusammen. Auch Stücke mit unterschiedlichen Tempi wirken, als spielten sie im selben Raum und erzählten dieselbe Geschichte.
Auf seinen späteren Alben finde ich weiterhin einzelne großartige Songs. Aber der Klang wechselt dort für mein Empfinden stärker zwischen intimem Songwriting, Soul, Elektronik, Funk, Jazz und großen orchestralen Arrangements. Das ist musikalisch ambitioniert – besitzt für mich aber nicht mehr ganz diese außergewöhnliche Geschlossenheit.
Und dann das Livealbum
Wer Jordan Rakei kennenlernen möchte, dem würde ich deshalb zuerst Origin empfehlen – und direkt danach Live From The Royal Albert Hall.
Das 2025 veröffentlichte Livealbum wurde während des zweiten von zwei ausverkauften Konzerten in der Royal Albert Hall aufgenommen und umfasst 21 Songs aus verschiedenen Phasen seiner Karriere. Auch Stücke aus Origin sind dabei, darunter „Mad World“ und „Mind’s Eye“.
Gerade live zeigt sich, dass diese besondere Stimmung nicht erst durch Studiotechnik, Nachbearbeitung oder einen perfekten Mix am Pult entsteht.
Rakei braucht kein Studio, um seine Musik lebendig werden zu lassen. Seine Stimme trägt auch auf der Bühne, die Band lässt den Songs Raum und viele Stücke entwickeln live sogar noch mehr Kraft. Besonders dieses leichte Brechen und Nachschwingen seiner Stimme wirkt dort noch unmittelbarer.
Was für mich bleibt
Origin zeigt für mich den Moment, in dem Jordan Rakei seinen Sound gefunden hat, und Live From The Royal Albert Hall beweist, dass dieser Sound nicht nur produziert ist … Er steckt in ihm.
Albumdaten und Hintergründe: Origin – Jordan Rakei / Ninja Tune · Live From The Royal Albert Hall – Albumdaten.
Platte der Woche
Zum Weiterentdecken
Studio und Konzertsaal zeigen unterschiedliche Seiten von Jordan Rakei. Hier kannst du Origin und die Royal Albert Hall direkt miteinander erleben.
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