Annie Lennox – Diva & Medusa: Zwei Alben, die bleiben

Von · persönliche Hörerfahrungen auf Klanggeschichten

Künstlerempfehlung Annie Lennox – Diva und Medusa. Eigenes Mikrofonmotiv in Pflaume und Gold.

DIE GESCHICHTE IN KÜRZE

Diva und Medusa waren für mich eine Offenbarung: Annie Lennox als eigenständige Songwriterin und als Interpretin, die fremde Songs ganz zu ihren eigenen macht.

Als Annie Lennox 1992 mit Diva ihr erstes Soloalbum veröffentlichte, war das für mich fast wie eine Offenbarung.

Man kannte sie natürlich längst von den Eurythmics – als außergewöhnliche Stimme, als visuelle Ikone und immer im kreativen Zusammenspiel mit Dave Stewart. Aber plötzlich stand sie allein da. Ohne das bekannte Duo und ohne die vertraute musikalische Klammer.

Diva: eine eigene Klangwelt

Dabei war der Schritt zum Soloalbum zunächst gar nicht selbstverständlich.

Nach den intensiven Eurythmics-Jahren hatte Annie Lennox wohl genug vom ständigen Veröffentlichen, Touren und Funktionieren. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, wurde Mutter und überlegte zeitweise sogar, ob sie überhaupt noch weiter Musik machen wollte.

Doch am Ende kam sie immer wieder zum Songwriting zurück. Es war für sie vermutlich nicht nur ein Beruf, sondern ein Teil ihrer Identität.

Gerade das Schreiben machte diesen Schritt besonders mutig. Bei den Eurythmics entstanden die Songs normalerweise gemeinsam mit Dave Stewart. Annie Lennox brachte häufig Texte, Melodien und erste Ideen am Klavier ein, während Stewart stark an Struktur, Arrangement und Klang mitarbeitete.

Auf Diva musste sie diese vertraute kreative Partnerschaft plötzlich hinter sich lassen. Acht der zehn regulären Songs schrieb sie vollständig allein.

Das Album war damit auch die Antwort auf eine sehr persönliche Frage: Wer bin ich musikalisch ohne Dave Stewart – und kann ich allein eine eigene Klangwelt erschaffen?

Dass sie daran wohl selbst zweifelte, macht das Ergebnis für mich rückblickend nur noch beeindruckender.

Denn Diva zeigte, dass Annie Lennox nicht nur eine großartige Sängerin war, sondern auch eine eigenständige Songwriterin und Künstlerin.

Das Album klang elegant, warm, modern und gleichzeitig melancholisch. Groß produziert, aber nie überladen. Im Mittelpunkt immer diese Stimme: stark, dunkel, verletzlich und sofort erkennbar.

Medusa: fremde Songs werden ihre eigenen

Drei Jahre später erschien Medusa und erstaunlicherweise fühlte sich das Album wie eine direkte Fortsetzung an.

Das lag auch daran, dass beide Platten von Stephen Lipson produziert wurden. Er baute die Musik sehr bewusst um Annie Lennox’ Stimme herum: viel Raum, elektronische Elemente, klare Strukturen und eine Produktion, die groß klingt, ohne die Songs zu erdrücken.

Der entscheidende Unterschied: Während Diva überwiegend aus ihren eigenen Songs besteht, ist Medusa ein reines Coveralbum (das war mir übrigens früher nicht so klar).

Alle regulären Titel stammen ursprünglich von anderen Künstlern – unter anderem von Al Green, Neil Young, The Clash, Bob Marley, Paul Simon, Procol Harum und The Temptations.

Das Faszinierende ist: Man hört Medusa trotzdem nicht wie eine Sammlung fremder Songs.

Annie Lennox kopiert die Originale nicht. Sie eignet sich die Stücke vollständig an und baut sie in ihre eigene Klangwelt um. Gerade bei „No More ‘I Love You’s’“ vergisst man beinahe, dass der Song ursprünglich gar nicht von ihr stammt.

Zwei Seiten derselben Medaille

Für mich sind Diva und Medusa deshalb zwei Seiten derselben Medaille:

Auf Diva zeigt sie, wer Annie Lennox als eigenständige Songwriterin ist.

Auf Medusa zeigt sie, wie stark sie als Interpretin sein kann, indem sie fremde Songs so singt, dass sie plötzlich wie ihre eigenen wirken.

Ich finde beide Alben bis heute außergewöhnlich stark. Sie sind hervorragend produziert, musikalisch geschlossen und längst nicht so gealtert wie viele andere Platten aus dieser Zeit.

Warum gerade diese beiden Alben bleiben

Was danach kam, hat mich leider nicht mehr auf dieselbe Weise erreicht.

Interessanterweise lag das nicht einmal sofort an einem Produzentenwechsel: Auch Bare, das erst acht Jahre später erschien, entstand noch mit Stephen Lipson. Aber die Stimmung hatte sich verändert. Bare war dunkler, direkter und persönlicher – weniger elegant und geheimnisvoll, dafür stärker von Verlust und Ernüchterung geprägt.

Vielleicht waren Diva und Medusa einfach diese seltene Phase, in der alles zusammenkam: eine Künstlerin, die sich nach den Eurythmics selbst neu entdeckte, ein Produzent, der ihrer Stimme genau den richtigen Raum gab, und Songs, die zugleich zugänglich und tiefgründig waren.

Was für mich bleibt

Für mich bleiben diese beiden Alben deshalb etwas Besonderes. Sie waren auch nicht einfach die ersten Soloalben von Annie Lennox. Sie waren der Moment, in dem man plötzlich verstand, wie groß sie auch ganz allein sein konnte.

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