Es gibt Künstler, bei denen höre ich erst einmal in ein neues Album rein, bevor ich entscheide, ob ich es haben möchte.
Bei Khalid bin ich inzwischen an dem Punkt, an dem ich seine Platten eigentlich blind kaufen könnte …und das meine ich als ziemlich großes Kompliment.
Denn was mir irgendwann bei Khalid aufgefallen ist: Der Mann scheint mir ein ziemliches Arbeitstier zu sein. Seine Alben bestehen nicht aus acht oder zehn Songs. 15 Songs auf seinem Debüt, danach 17, dann 16 und jetzt wieder 16.
Aber die Menge allein wäre ja noch keine besondere Leistung, das Erstaunliche ist für mich etwas anderes:
Ich habe bei seinen Alben eigentlich nie das Bedürfnis, einen Song zu überspringen. Ich lege eine Khalid-Platte auf – und lasse sie einfach laufen.
Sein letztes Album After the Sun Goes Down ist am 10. Oktober 2025 erschienen und sein viertes reguläres Studioalbum. Inzwischen habe ich es so oft gehört, dass ich mir gerade auch die farbige Sonderedition als Doppelvinyl gekauft habe.
Und während ich mich mit der letzten Platte beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, dass man sie eigentlich kaum erzählen kann, ohne ein bisschen weiter zurückzugehen. Denn Khalids Geschichte ist schon ziemlich bemerkenswert.
American Teen: der Anfang in El Paso
Khalid Donnel Robinson wurde 1998 in Georgia geboren. Seine Mutter war beim US-Militär, weshalb er als Kind viel herumkam. Er lebte unter anderem mehrere Jahre in Deutschland, bevor die Familie schließlich in El Paso, Texas, landete.
Und dort geht plötzlich alles sehr schnell.
Noch während seiner Highschool-Zeit veröffentlicht er „Location“. Der Song wird zum riesigen Erfolg, Khalid unterschreibt bei Right Hand Music Group und RCA Records – und damit letztlich bei Sony Music.
Am 3. März 2017 erscheint dann sein Debüt American Teen, 15 Songs, Khalid ist gerade einmal 19 Jahre alt.
Wenn ich die Platte heute höre, ist sie für mich fast ein kleines Dokument seiner Jugend. Freunde, Autofahren, erste Beziehungen, Freiheit, Unsicherheit, El Paso. Selbst die Melancholie fühlt sich irgendwie noch ein bisschen nach Sommerferien an. Und eigentlich ist da schon alles vorhanden, was ich bis heute an Khalid mag.
Diese warme Stimme. Die entspannten Beats. R&B, Soul und Pop, ohne dass ich das Bedürfnis habe, jeden Song unbedingt irgendwo einsortieren zu müssen und vor allem dieses Gefühl: Die Musik drängelt nicht. Sie läuft – und irgendwann stellt man fest, dass man längst mitwippt.
Der Erfolg kommt praktisch über Nacht.
2017 gewinnt Khalid bei den MTV Video Music Awards als Best New Artist. Bei den Grammys erhält er in dieser ersten Phase gleich fünf Nominierungen – unter anderem als Best New Artist, für „Location“ als Best R&B Song und für American Teen als Best Urban Contemporary Album.
Das finde ich schon ziemlich irre: Kurz zuvor geht dieser Junge noch in El Paso zur Schule – und plötzlich gehört er international zu den großen Namen im R&B.
Und Khalid macht einfach weiter.
Free Spirit: die Musik wächst mit
Am 19. Oktober 2018 erscheint die EP Suncity mit sieben Songs. Darunter mit „Better“ ein Stück, das für mich diesen Khalid-Sound schon ziemlich perfekt auf den Punkt bringt.
Gleichzeitig taucht seine Stimme plötzlich überall auf: „Love Lies“ mit Normani, „Eastside“ mit Benny Blanco und Halsey, „Silence“ mit Marshmello oder „1-800-273-8255“ mit Logic und Alessia Cara.
Und schon am 5. April 2019 kommt das nächste große Album: Free Spirit. 17 Songs und trotzdem wieder keine Platte, bei der ich anfange, Songs wegzudrücken.
Für mich hört man auf Free Spirit ziemlich deutlich, was inzwischen passiert ist. Aus dem unbekannten Teenager aus El Paso ist innerhalb von zwei Jahren ein internationaler Star geworden. Die Musik wächst irgendwie mit ihm. Alles wird größer und breiter, die Produktionen aufwendiger, der Pop-Anteil deutlicher. Gleichzeitig finde ich ihn hier schon nachdenklicher als auf American Teen.
Und jetzt wird aus dem Newcomer endgültig ein Superstar.
Free Spirit wird sein erstes Nummer-eins-Album in den USA. Zeitweise stehen unglaubliche 16 Khalid-Songs gleichzeitig in den Top 25 der amerikanischen Hot-R&B-Songs-Charts. Bei den American Music Awards 2019 gewinnt er gleich dreimal: Favorite Male Artist Pop/Rock, Free Spirit als Favorite Album Soul/R&B und „Talk“ als Favorite Song Soul/R&B. „Talk“ bringt ihm anschließend sogar eine weitere Grammy-Nominierung – diesmal als Record of the Year.
Danach wird es bei den regulären Alben zwar ruhiger. Aber Khalid selbst verschwindet überhaupt nicht.
Es kommen Singles wie „Up All Night“, „Eleven“ oder „Know Your Worth“ mit Disclosure und immer wieder Kollaborationen. Am 3. Dezember 2021 erscheint Scenic Drive (The Tape). Kein reguläres Studioalbum, sondern ein Mixtape mit neun Stücken und Gästen wie Alicia Keys, 6lack, Lucky Daye, JID und Ari Lennox. Danach folgen unter anderem „Last Call“, „Numb“ mit Marshmello und „Satellite“ sowie weitere Kollaborationen.
Und genau das meine ich mit Arbeitstier.
Nicht, dass Khalid jedes Jahr zwingend ein neues Album herausbringen würde. Aber er produziert und veröffentlicht kontinuierlich Musik. Und wenn dann ein richtiges Studioalbum kommt, sind es eben nicht neun Songs und 31 Minuten. Dann sind es 15, 16 oder 17 Stücke.
Sincere: der American Teen wird erwachsen
Am 2. August 2024 erscheint schließlich Sincere, wieder 16 Songs.
Und schon der Titel passt für mich ziemlich gut zu der Veränderung, die ich bei ihm höre: Der American Teen ist erwachsen geworden.
Sincere wirkt auf mich persönlicher und introspektiver. Beziehungen, Verlust, Einsamkeit und Selbstzweifel bekommen mehr Gewicht. Ich habe das Gefühl, Khalid schaut auf dieser Platte weniger nach außen und dafür stärker in sich hinein. Am 6. Dezember 2024 legt er mit Sincere (Deluxe) sogar noch einmal sechs Songs nach!
After the Sun Goes Down
Dann erscheint am 10. Oktober 2025 „After the Sun Goes Down“ wieder 16 Songs nur gut ein Jahr nach Sincere.
Man kann darin auch seine persönliche Veränderung sehen.
Wenn ich mir den Khalid von American Teen anschaue und ihn mit dem Khalid von heute vergleiche, ist natürlich zunächst einmal ein 19-Jähriger erwachsen geworden. Aber ich finde, da ist mehr passiert. Seine Mode, sein Auftreten, seine Körperlichkeit, die Bilder – alles wirkt auf mich heute bewusster, freier und selbstbewusster.
Und musikalisch passiert etwas Ähnliches.
After the Sun Goes Down geht deutlicher Richtung Pop und Dance. Khalid nennt Einflüsse wie Janet Jackson, Rihanna und Britney Spears. Und im Hintergrund arbeitet diesmal eine ziemlich beeindruckende Mannschaft mit Leuten wie Darkchild, Ilya, BloodPop, Ryan Tedder, Tove Lo, Julia Michaels, Oscar Holter und Mattman & Robin.
Trotzdem ist Khalid dabei keineswegs nur die Stimme vor einer großen Produzentenmannschaft. Er schreibt an seiner Musik mit – wie er das eigentlich von Anfang an getan hat.
Und was für mich bemerkenswert ist: Es klingt immer nach Khalid und wiederholt sich aber nicht, wenn ich seine vier Studioalben nebeneinanderlege.
Vier Alben, ein eigener Sound
Sie sind nämlich überhaupt nicht gleich. Wenn ich ihre Entwicklung ganz subjektiv in jeweils einen Satz packen müsste, wäre es vielleicht:
– American Teen: Wer bin ich eigentlich? – Free Spirit: Wo kann ich hin? – Sincere: Wer bin ich wirklich? – After the Sun Goes Down: Jetzt zeige ich es euch.
Das ist natürlich meine Interpretation und kein Konzept, das Khalid diesen vier Platten offiziell gegeben hätte. Aber genau so empfinde ich seine Entwicklung.
Und trotzdem gibt es diese Klammer, diesen Khalid-Sound. Ich kann ihn gar nicht so richtig in ein Genre packen. Aber ich erkenne ihn sofort. Diese warme Stimme. Diese entspannten Beats. Diese leichte Melancholie, die nie wirklich schwer wird. Und irgendwann schnippt und wippt man mit.
Und noch etwas zieht sich für mich eigentlich durch seine Musik: Khalid hat fast immer einen gewissen Summer Vibe. Damit meine ich überhaupt nicht zwingend Strand, Pool oder Sommerparty, ich denke dabei eher an einen warmen Abend. Fenster offen, vielleicht noch irgendwo unterwegs, die Sonne ist gerade untergegangen und die Luft ist immer noch warm.
Und eigentlich könnte sein letztes Album dafür kaum besser heißen als:
After the Sun Goes Down.
Eine Sache hat mich bei der Beschäftigung mit Khalid übrigens wirklich überrascht. Er steht inzwischen bei sieben Grammy-Nominierungen, gewonnen hat er tatsächlich noch keinen einzigen. Und das kann ich ehrlich gesagt überhaupt nicht verstehen.
Natürlich entscheidet ein Grammy nicht darüber, ob jemand ein großer Künstler ist. Aber wenn ich sehe, was Khalid seit American Teen veröffentlicht hat, wie konstant gut ich seine Alben finde und wie er es schafft, seinen eigenen Sound zu behalten und sich trotzdem weiterzuentwickeln, dann ist er für mich längst ein wirklich großer Künstler.
Meine Künstlerempfehlung
Und damit komme ich eigentlich zu meiner Empfehlung dieser Woche. Denn normalerweise steht sonst hier ein Album der Woche, bei Khalid würde ich diesmal aber sagen:
Hört euch nicht nur After the Sun Goes Down an, hört euch alle seine Platten an. Fangt ruhig mit American Teen an und geht chronologisch weiter. Danach Suncity, Free Spirit, Scenic Drive, Sincere und schließlich After the Sun Goes Down.
Denn dann hört man nicht nur richtig viel gute Musik, man hört auch, wie aus einem 19-jährigen Jungen aus El Paso ein erwachsener Künstler wird. Wie sich seine Musik verändert, wie er selbst sich verändert und wie er trotzdem etwas bewahrt, das für mich vom ersten Album bis heute sofort erkennbar ist.
Wiedererkennbarkeit ohne Stillstand.
Und deshalb ist das hier vielleicht weniger meine Empfehlung für ein einzelnes Album als meine: Blindempfehlung für einen Künstler. Khalid ist für mich tatsächlich einer dieser Musiker, bei denen ich einfach sagen kann: Hört ihn euch an. Eigentlich alles, ich finde ihn wirklich richtig genial.
Und vielleicht ist das am Ende auch das größte Kompliment, das ich ihm machen kann: Bei keinem seiner Alben habe ich das Bedürfnis, einen Song zu überspringen und seine Platten kann man tatsächlich blind kaufen.
Künstlerempfehlung
Zum Weiterentdecken
Khalids Stimme erkennt man schnell wieder. Hier kannst du selbst hören, wie sich sein Klang entwickelt, und mehr aus seiner musikalischen Welt entdecken.
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