Rosehardt – the world gets smaller each day it seems to shrink

Von · persönliche Hörerfahrungen auf Klanggeschichten

Platte der Woche: Rosehardt – the world gets smaller each day it seems to shrink. Eigenes Schallplattenmotiv in gedämpftem Violett.

DIE GESCHICHTE IN KÜRZE

Rosehardt inszeniert seine Songs wie kleine Szenen: überraschende Harmonien, Soul, Hip-Hop und Jazz. Mein anspruchsvollerer Nachschlag zu Leon Bridges.

Wem Leon Bridges diese Woche zu glatt ist, für den habe ich noch einen zweiten Vorschlag – und der ist ziemlich genau das Gegenteil.

Rosehardts „the world gets smaller each day it seems to shrink“ ist keine Platte für nebenbei. Dafür ist sie zu komplex, zu überraschend und manchmal auch ein bisschen zu fordernd.

Hier lohnt es sich, sich hinzusetzen, zuzuhören und die Musik einfach zuzulassen.

Das Album erschien am 10. Mai 2024, umfasst 13 Songs und stammt von Caleb Eberhardt alias Rosehardt.

Jazz als Denkweise

Musikalisch wird das Ganze irgendwo zwischen R&B, Soul, Hip-Hop, Funk und Pop eingeordnet. Für mich gehört aber unbedingt noch ein Begriff dazu: Jazz.

Nicht weil es eine Jazzplatte wäre. Sondern wegen der Art, wie Rosehardt Musik denkt. Ungewöhnliche Harmonien, überraschende Rhythmuswechsel, Instrumente, die plötzlich auftauchen, und Arrangements, die sich nicht immer dort auflösen, wo man es erwartet.

Gerade die Einstiege vieler Songs finde ich großartig.

Sie fesseln einen sofort. Man glaubt nach den ersten Takten zu wissen, wohin das Stück geht – und dann biegt es ab. Manchmal braucht man selbst einen Moment, um dieser Auflösung zu folgen und in den Song hineinzukommen.

Aber genau das macht für mich den Reiz dieser Platte aus.

Ein Schauspieler, der Songs inszeniert

Und vielleicht versteht man diese ungewöhnliche Art, Songs zu bauen, noch besser, wenn man weiß, wer hinter Rosehardt steckt.

Caleb Eberhardt ist nämlich nicht nur Sänger, Songwriter und Produzent, sondern auch ausgebildeter Schauspieler. Er hat einen BFA in Schauspiel und stand mehrfach am Broadway, unter anderem in Choir Boy und 2024 gemeinsam mit Jeremy Strong und Michael Imperioli in An Enemy of the People. Außerdem war er in Filmen wie Judas and the Black Messiah zu sehen.

Und plötzlich ergibt diese Platte für mich noch mehr Sinn.

Denn Rosehardt komponiert seine Songs teilweise fast so, wie man eine Szene inszeniert.

Ein Intro baut Spannung auf. Die Stimmung verändert sich. Instrumente treten auf und verschwinden wieder. Seine Stimme verändert ihren Charakter. Und manchmal kommt die musikalische Auflösung wesentlich später, als man sie erwartet hätte.

Er selbst bezeichnet sich im Kern als Storyteller und sieht Schauspiel und Musik ausdrücklich nicht als zwei getrennte Welten. Beides gehört für ihn zum Geschichtenerzählen.

Vielleicht ist genau das der Punkt:

Er schreibt nicht nur Songs. Er inszeniert sie.

Und man hört, dass hier jemand offenbar versucht hat, jeden einzelnen Song besonders zu machen.

Auch seine Stimme ist dafür ein großartiges Instrument. Sie kann weich und soulig sein, dann fast zerbrechlich werden und plötzlich wieder unglaublich präsent und groß im Raum stehen.

Das Staunen über die Welt bewahren

Inhaltlich passt diese Komplexität erstaunlich gut zum ungewöhnlichen Albumtitel:

the world gets smaller each day it seems to shrink.

Im Kern geht es um Erwachsenwerden, Beziehungen, Erinnerungen, Verlust und die Angst, mit zunehmendem Alter dieses kindliche Staunen über die Welt zu verlieren. Rosehardt beschreibt, wie Verantwortung und Alltag unseren Blick verändern und wir immer weniger Details wahrnehmen, wenn wir nicht bewusst danach suchen.

Dazu kommt eine sehr persönliche Erfahrung: Sein Vater erkrankte an Alzheimer und starb daran. Der Verlust hat Rosehardt nach eigener Aussage stark geprägt und fließt auch in das Album ein. Schon der Opener „i don’t have much time“ beschäftigt sich mit der Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Lebens.

Das alles macht die Platte ernst, aber keineswegs schwermütig.

Es gibt Soul, Funk, Hip-Hop, große Melodien und immer wieder diese Momente, in denen eine Komposition plötzlich eine völlig andere Richtung einschlägt. Selbst „808 SHIMMY“ entstand mit einem sehr konkreten Bild im Kopf: eine nächtliche Autofahrt auf einem langen Highway und eine 808-Bassdrum, die so tief spielt, dass das Auto vibriert.

Eine Platte zum Hinsetzen

Bei Leon Bridges hatte ich geschrieben:

„Keine Platte zum Vorführen einer Anlage. Eine Platte zum Wohnen.“

Rosehardt ist für mich fast das Gegenstück:

Keine Platte zum Wohnen. Eine Platte zum Hinsetzen.

Anlage an oder Kopfhörer auf und den Songs Zeit geben. Manche erschließen sich nicht in den ersten 20 Sekunden. Manche beanspruchen einen sogar ein wenig.

Aber genau das ist das Schöne daran.

Rosehardt – the world gets smaller each day it seems to shrink (erschienen am 10. Mai 2024).

Mein Album der Woche – Teil 2.

Und eine dieser Platten, bei denen man nach dem ersten Durchlauf ziemlich sicher noch nicht alles gehört hat.

Teil 1: Leon Bridges – Leon lesen →

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