Ruth B. – Peace To Make

Von · persönliche Hörerfahrungen auf Klanggeschichten

Eigene Illustration: schwarze Schallplatte mit hellem Label „Ruth B. – Peace To Make“ auf warmem graugrünem Hintergrund.

DIE GESCHICHTE IN KÜRZE

Das Popalbum der leisen Töne: Ruth B. erzählt auf „Peace To Make“ vom Ende einer Beziehung und dem Weg zurück zu sich selbst. Warm, unaufgeregt und voller Raum.

Für mich ist Peace To Make irgendwie das Popalbum der leisen Töne.

Und mit „leise“ meine ich gar nicht unbedingt die Lautstärke. Es ist vielmehr eine Platte, die nicht ständig um Aufmerksamkeit kämpft. Keine überladenen Produktionen, keine Refrains, die unbedingt größer sein müssen als der Song selbst. Stattdessen eine Stimme, Piano, Gitarren, warme Flächen, dezente Beats – und erstaunlich viel Raum dazwischen.

Und genau deshalb empfehle ich sie. Man lässt diese Platte einfach laufen und merkt irgendwann, dass man seit 40 Minuten zuhört. Aber sobald man genauer hinhört, entdeckt man hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit ziemlich persönliche Geschichten.

Peace To Make ist am 21. August 2026 erschienen. Es ist das dritte Studioalbum von Ruth B. und ihr erstes seit fünf Jahren. Entstanden ist es gemeinsam mit dem sechsfachen Grammy-Gewinner Cole M.G.N., der die gesamte Platte produziert hat und unter anderem mit Beck, Carly Rae Jepsen und Christine and the Queens gearbeitet hat.

Erst leben, dann schreiben

Ruth B. heißt eigentlich Ruth Berhe, kommt aus Edmonton in Kanada und wuchs als Tochter äthiopischer Eltern auf. Ihre Karriere begann ziemlich ungewöhnlich: 2013 stellte sie kurze Gesangsvideos auf Vine. Aus einer kleinen, von Peter Pan inspirierten Idee entstand schließlich „Lost Boy“ – praktisch der erste richtige Song, den sie geschrieben hatte, und gleichzeitig ihr internationaler Durchbruch. Jahre später bekam auch „Dandelions“ durch TikTok noch einmal ein riesiges zweites Leben.

Viel interessanter finde ich aber ihre Haltung zum Songwriting. Ruth sagt, dass sie erst leben und Erfahrungen machen müsse, um darüber schreiben zu können. Die fünf Jahre seit Moments in Between waren deshalb offenbar auch keine bewusst geplante Pause. In dieser Zeit endete unter anderem eine langjährige Beziehung. Die ersten Songs schrieb sie zunächst einfach, um das Erlebte zu verarbeiten. Erst nach zwei oder drei Stücken merkte sie: Vielleicht entsteht hier gerade ein Album.

Und genau davon handelt Peace To Make: vom Ende einer Beziehung und vor allem davon, was danach mit einem selbst passiert. Zweifel, Erinnerungen, Eifersucht, die Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ – und irgendwann die Erkenntnis, dass Frieden nicht unbedingt bedeutet, auf alle Fragen eine Antwort bekommen zu haben.

Der Weg zurück zu sich selbst

Ein paar Songs zeigen das besonders schön. „Jealous“ führt schon mit seinem Titel ein wenig in die falsche Richtung: Ruth ist nicht einfach auf eine andere Frau eifersüchtig, sondern sehnt sich nach der Liebe, die sie selbst gibt, aber nicht zurückbekommt.

„Breathe“ geht noch tiefer. Der Song entstand nach einer schwierigen persönlichen Phase. Bei einem Aufenthalt in Banff, umgeben von dieser gewaltigen Landschaft, empfand Ruth es plötzlich als befreiend, sich selbst und die eigenen Probleme für einen Moment ganz klein zu fühlen.

Und dann kommt am Ende „Pick Me“.

Der Titel klingt zunächst nach: Wähl mich.

Gemeint ist aber das Gegenteil:

Ich wähle mich selbst.

Es war der letzte Song, den Ruth für die Platte schrieb, und für sie war sofort klar, dass damit auch das Album enden musste. Eigentlich ist damit die ganze Geschichte der Platte erzählt: Eine Beziehung geht zu Ende, sie sucht nach Antworten, erinnert sich, zweifelt – und landet schließlich wieder bei sich selbst.

Das Cover neu sehen

Und dann ist da noch dieses Cover.

Als ich es zum ersten Mal gesehen habe, habe ich ehrlich gesagt ein anderes Album dahinter vermutet. Ruth B. sitzt dort selbstbewusst, sexy und fast demonstrativ vor der Kamera. Breitbeinig auf einem einfachen Stuhl, direkter Blick, weißer Pelz, schwarze Strümpfe und High Heels. Das passt zunächst überhaupt nicht zu diesen leisen und teilweise sehr verletzlichen Songs.

Aber nachdem ich verstanden hatte, worum es auf der Platte geht, habe ich das Cover plötzlich anders gesehen.

Vielleicht zeigt es nämlich gar nicht die Frau am Anfang dieser Geschichte.

Vielleicht zeigt es die Frau am Ende.

Man könnte ihre Haltung als „Schau, was du verpasst hast“ lesen. Für mich geht es aber noch einen Schritt weiter:

„Schau ruhig. Aber ich brauche dich nicht mehr. Ich habe mich selbst wiedergefunden.“

Das ist natürlich meine Interpretation. Aber sie passt für mich erstaunlich gut zu „Pick Me“ und zur Entwicklung dieser Platte.

Pop mit Raum

Musikalisch ist das alles bemerkenswert zurückhaltend. Ruth nennt Lana Del Rey und frühe Lorde als Einflüsse auf den Sound, beim Songwriting außerdem Lauryn Hill, Etta James, Aretha Franklin und Carole King. Dazu kommt die äthiopische Musik, mit der sie aufgewachsen ist.

Vielleicht erklärt das, warum Peace To Make eindeutig Pop ist und trotzdem nicht wie ein typisches modernes Popalbum wirkt.

Es will einen nicht beeindrucken.

Es möchte erzählen.

Und genau deshalb ist es mein Album der Woche. Keine Platte, die einen in den ersten 30 Sekunden mit einem großen Effekt überzeugen will. Sondern eine, die warm, unaufgeregt und fast beiläufig immer näher kommt.

Was für mich bleibt

Irgendwie das Popalbum der leisen Töne.

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