Manchmal hat TikTok doch etwas Gutes. Zwischen all dem, was einem der Algorithmus so vorsetzt, tauchte bei mir irgendwann Stephen Dawes auf. Ich blieb hängen – weil ich sofort das Gefühl hatte: Das klingt irgendwie anders. Nicht komplett neu, aber eben auch nicht nach dem nächsten Song, den man so ähnlich schon hundertmal gehört hat.
„Skin to Skin“ erschien am 26. Juni 2026 und ist sein drittes Album. Und was mir daran besonders gefällt: Es klingt einfach ein bisschen anders. Nicht, weil Dawes die Musik neu erfindet, sondern weil man bei ihm nie so genau weiß, wohin sich ein Song entwickelt. Eine Ballade bleibt nicht zwangsläufig eine Ballade. Plötzlich ändern sich Tempo oder Rhythmus, eine Gitarre kommt dazu, es wird rockig, dann wieder elektronisch oder ganz leise. Und trotzdem wirkt nichts davon zusammengeklebt.
Vom Zufallsfund zur eigenen Handschrift
Dawes ist 23, wurde in Manhattan geboren, wuchs unter anderem in Kalifornien auf und studierte später an der NYU. Seine Karriere begann eher zufällig: Für einen Kurs sollte er Katy Perrys „Teenage Dream“ neu interpretieren. Er machte daraus eine langsame, sehr reduzierte Version, stellte sie auf TikTok – und die Aufnahme ging durch die Decke. Aus einer Studienaufgabe wurden Millionen Abrufe und schließlich ein Plattenvertrag.
Eigentlich hätte die Geschichte damit ganz klassisch weitergehen können. Tat sie aber nicht. Dawes löste sich wieder aus dem Major-Label-System und arbeitet heute unabhängig. Er schreibt, spielt Gitarre, programmiert und produziert einen großen Teil seiner Musik selbst. Nicht alles entsteht alleine, bei einzelnen Songs arbeitet er mit anderen Musikern und Songwritern, aber die musikalische Handschrift ist sehr deutlich seine.
Die Freiheit, etwas auszuprobieren
Und vielleicht erklärt das auch diese Freiheit, die ich auf Skin to Skin höre. Dawes hat erzählt, dass er nach vielen gemeinsamen Writing-Sessions irgendwann wieder alleine schreiben wollte. Denn wenn niemand daneben sitzt und sagt, eine Idee sei zu verrückt, probiert man sie eben einfach aus.
Ein schönes Beispiel ist „Hurt Me Better“. Der Song war ursprünglich deutlich stärker als Rocknummer im Stil der Arctic Monkeys gedacht. Während der Arbeit stellte Dawes aber fest, dass sich das Album in eine elektronischere Richtung entwickelte – also baute er den Song wieder um. Genau dieses Ausprobieren zieht sich durch die Platte. Zu seinen Einflüssen zählt er neben Arctic Monkeys übrigens auch Wilco, The Flaming Lips und Joji. Und diese ziemlich ungewöhnliche Mischung hört man.
Nähe und ihre komplizierten Seiten
Inhaltlich geht es auf Skin to Skin vor allem um Nähe und alles, was sie kompliziert macht: Verliebtsein, Begehren, Unsicherheit, Einsamkeit, Verlustangst und die Frage, wie viel man von sich selbst preisgibt, wenn man einen anderen Menschen wirklich an sich heranlässt. Dawes schrieb früher durchaus über Figuren aus Büchern oder Filmen. Hier wird es deutlich persönlicher.
Einer meiner Favoriten ist „Reputation“. Eigentlich eine ziemlich verletzliche Beziehungsgeschichte – aber Dawes macht daraus eben keine schmachtende Klavierballade. Der Song bekommt Bewegung, wird größer, zieht sich wieder zurück. Genau das mag ich an dieser Platte: Balladen dürfen rocken, Rock darf plötzlich leise werden und Pop muss nicht nach Schema funktionieren.
Skin to Skin hat nur zehn Songs und dauert knapp eine halbe Stunde. Vielleicht ist auch das eine Qualität: keine unnötigen Füllstücke, sondern eine Platte, die schnell ihre eigene Welt entwickelt.
Stephen Dawes ist sicher noch kein Name, den jeder kennt. Bei mir war er ein Zufallsfund auf TikTok. Aber genau für solche Entdeckungen gibt es mein Album der Woche.
Einfach mal anhören – und nicht nach dem ersten Song oder Sekunden entscheiden. Gerade die unterschiedlichen Seiten dieser Platte machen für mich ihren Reiz aus.
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