The 1975 dürften einigen von euch bekannt sein. Und eigentlich könnte ich problemlos eines ihrer späteren, musikalisch noch ambitionierteren Alben auswählen. Trotzdem lande ich immer wieder bei ihrem Debüt. Vielleicht gerade deshalb, weil man hier einer Band dabei zuhören kann, wie sie ausprobiert, was sie alles sein kann.
Die Summe ihrer musikalischen Jugend
„The 1975“ erschien am 2. September 2013. Zu diesem Zeitpunkt spielten Matty Healy, George Daniel, Adam Hann und Ross MacDonald bereits seit rund elf Jahren zusammen. Sie hatten verschiedene Bandnamen und musikalische Phasen hinter sich, Matty saß anfangs sogar am Schlagzeug. Das Debüt ist deshalb weniger der Anfang einer Band als die Summe ihrer gemeinsamen musikalischen Jugend.
Und genau das hört man. Indie-Rock, Pop, Elektronik, Funk, große Gitarren, Synthesizer, ruhige instrumentale Zwischenstücke – manchmal innerhalb weniger Minuten. „Chocolate“ ist federnder Indie-Pop, „Sex“ geht wesentlich härter nach vorne, „Settle Down“ verbindet Funk-Gitarre, Synthesizer und einen großartigen Groove, während „Robbers“ plötzlich groß, dunkel und beinahe filmisch wird.
Für mich hat dieses Album deshalb etwas, das vielen perfekt durchproduzierten Platten fehlt: Breite und Tiefe – und trotzdem genügend Rock. Man merkt, dass The 1975 noch ausprobieren, wohin sie eigentlich wollen. Gleichzeitig ist erstaunlich viel von dem bereits vorhanden, was die Band später ausmachen sollte.
Vielfalt als Markenzeichen
Eine meiner Lieblingsgeschichten dazu: Genau diese stilistische Breite war zunächst ihr Problem. Manager Jamie Oborne versuchte jahrelang, ein Label für die Band zu finden. Die Antwort war immer wieder, die Songs klängen zu unterschiedlich und niemand wisse, wie man so etwas im Radio unterbringen solle. Schließlich entstand mit Dirty Hit praktisch das Label, auf dem sie ihre Musik selbst veröffentlichen konnten. Das vermeintliche Problem wurde zu ihrem Markenzeichen – und das Debüt ging anschließend auf Platz 1 der britischen Albumcharts.
Inhaltlich ist das Album dabei erstaunlich geschlossen. Es geht um Jugend, Sex, Liebe, Freundschaft, Drogen, Trennungen und dieses Lebensgefühl, in dem jede Beziehung und jeder Absturz gerade das wichtigste Ereignis der Welt zu sein scheint. Später hat Healy diese Phase einmal sehr treffend als „apocalyptic teenage romance“ beschrieben.
Danach: Love It If We Made It
Und wer nach dem Debüt weiterhören möchte, dem möchte ich unbedingt noch einen Song aus dem dritten Album A Brief Inquiry Into Online Relationships von 2018 mitgeben: „Love It If We Made It“.
Für mich einer der ganz großen Songs von The 1975. Healy sammelte über längere Zeit Zeitungsüberschriften und gesellschaftliche Ereignisse – Trump, Kanye West, die Flüchtlingskrise, den Tod von Lil Peep und vieles mehr – und machte daraus keine klassische politische Botschaft, sondern eine Art fiebrigen Nachrichtenstrom unserer Zeit. Healy beschrieb die Hoffnung im Song als den kleinen Hoffnungsschimmer zwischen all den Trümmern.
Musikalisch ist das Stück gewaltig: treibend, elektronisch, beinahe industriell und gleichzeitig mit einem dieser Refrains, die immer größer werden. Brian Eno soll später sogar gesagt haben, er wünschte, er hätte den Song geschrieben.
The 1975 sind eine großartige Band. Aber wenn ich nur eine ihrer Platten behalten dürfte, wäre es wahrscheinlich diese erste. Nicht obwohl sie noch nach ihrem Sound suchen, sondern vielleicht gerade deswegen.
Und danach unbedingt noch „Love It If We Made It“ hören. Laut. 🎶🔊
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