Meine HiFi-Geschichte · Teil 2 · Teil 1 lesen →
Aber das eigentlich Interessante an dieser ganzen Entwicklung ist etwas anderes: Je intensiver ich mich wieder mit HiFi beschäftige, desto weniger geht es mir eigentlich um HiFi.
Es geht um die Musik.
Das klingt vielleicht zunächst widersprüchlich. Man beschäftigt sich mit Verstärkern, DACs, Lautsprechern, Kabeln, Netzteilen und der richtigen Aufstellung – und irgendwann werden genau diese Dinge unwichtiger. Zumindest während des Hörens. Denn wenn es wirklich gut funktioniert, verschwinden irgendwann die Lautsprecher und da ist nur noch die Aufnahme.
Und genau da hat sich bei mir etwas verändert. Ich höre heute anders zu als früher. Wenn eine Aufnahme plötzlich einen richtigen Raum vor einem aufbaut, fängt man an, auf Dinge zu achten, über die ich mir früher überhaupt keine Gedanken gemacht habe. Warum steht die Stimme genau dort? Warum spielt ein Instrument scheinbar weit hinten und ein anderes ganz nah? Warum wird eine Stimme plötzlich gedoppelt? Warum spüre ich einen Bass, obwohl er gar nicht besonders laut ist?
Früher hätte ich wahrscheinlich einfach gesagt: Klingt gut.
Heute möchte ich wissen: Warum klingt das so?
Space Oddity: Man hört zwei Orte
Einer dieser Momente war für mich ausgerechnet bei einem Stück, das wahrscheinlich fast jeder kennt: David Bowies Space Oddity von 1969. Major Tom ist längst Teil der Popkultur. Peter Schilling hat die Figur 1982 mit Major Tom (völlig losgelöst) noch einmal aufgegriffen und daraus einen der großen Songs der Neuen Deutschen Welle gemacht.
Bei Bowie beginnt die Geschichte mit der Kommunikation zwischen Ground Control und Major Tom. Und natürlich hatte ich auch früher gehört, dass da etwas von rechts und etwas von links kommt. Ich bin ja nicht plötzlich auf einem Ohr hörend geworden. 😉
Aber auf einer wirklich guten Anlage passiert etwas anderes: Man hört nicht mehr einfach rechts und links. Man hört zwei Orte.
Plötzlich wird diese Kommunikation zwischen Ground Control und Major Tom räumlich. Die Stimmen stehen nicht einfach irgendwo im Stereopanorama. Es entsteht eine Szene. Und genau da bin ich zum ersten Mal richtig darüber gestolpert, dass eine Abmischung eben nicht nur dafür da ist, dass ein Song gut klingt.
Auch eine Abmischung kann eine Geschichte erzählen.
Wo stelle ich welche Stimme hin? Ganz nah vor den Hörer oder weiter weg? Links, rechts oder genau in die Mitte? Wo steht welches Instrument? Wie groß ist der Raum darum? Was passiert, wenn dieser Raum im Verlauf des Stücks größer oder kleiner wird? Wie weit sind zwei Stimmen voneinander entfernt?
Natürlich kann man Space Oddity einfach hören und großartig finden. Das habe ich jahrzehntelang gemacht. Aber wenn eine Anlage diese räumlichen Informationen wirklich deutlich abbildet, beginnt man irgendwann darüber nachzudenken, warum jemand eine Aufnahme genau so gestaltet hat.
Und damit beginnt bei mir inzwischen häufig eine kleine Reise. Wer hat das produziert? Wie wurde es aufgenommen? Wer hat es abgemischt? Ist das, was ich da höre, bewusst so gemacht? Warum steht dieses Instrument genau dort? Was wollte der Produzent damit erreichen?
Was erzählt mir der Song eigentlich?
Aber irgendwann ist bei mir noch etwas Zweites dazugekommen.
Ich möchte heute nicht mehr nur verstehen, warum ein Song so klingt. Ich möchte auch verstehen, was er mir eigentlich erzählt.
Das klingt zunächst ziemlich banal. Schließlich haben Songs Texte. Aber wenn ich an meine Jugend zurückdenke, habe ich mich erstaunlich selten wirklich damit beschäftigt. Natürlich kannte ich Teile der Texte, habe mitgesungen und hatte vor allem ein Gefühl für einen Song. Aber ich habe nicht recherchiert, warum er geschrieben wurde, welche Geschichte dahintersteckt oder was die Musiker damit eigentlich erzählen wollten.
Das Internet gab es schließlich nicht. Man hatte die Platte oder Kassette, vielleicht ein Booklet, Radio und Musikzeitschriften. Und manches wusste man eben einfach nicht.
Als Beispiel mal Genesis. Ich höre einige dieser Songs seit mehr als 40 Jahren – und stelle heute fest, dass ich ihre eigentlichen Geschichten teilweise überhaupt nicht kannte.
Mama: Ein Lachen bekommt eine andere Bedeutung
Nehmen wir mal den Genesis-Song Mama von 1983, mit Phil Collins als Leadsänger. Schon damals fand ich den Song dunkel, beklemmend und irgendwie verstörend. Aber was Genesis dort eigentlich erzählt, war mir überhaupt nicht bewusst.
Es geht nicht – wie der Titel vielleicht vermuten lässt – um eine Mutter. Die Band beschrieb die Idee hinter dem Song als Geschichte eines jungen Mannes, der eine Art Mutterfixierung auf eine ältere Prostituierte projiziert. Er sucht bei ihr Nähe, die sie ihm nicht geben kann, und aus diesem Verlangen entwickelt sich zunehmend eine Obsession.
Wenn man das weiß, hört man einen Song, den man seit Jahrzehnten kennt, plötzlich noch einmal anders.
Und dann bekommt auch etwas eine ganz andere Bedeutung, das ich schon damals unglaublich markant fand: dieses eigenartige Lachen von Phil Collins. Dieses fast wahnsinnige „Ha-ha-ha…“.
Collins hatte sich für dieses Lachen von The Message von Grandmaster Flash and the Furious Five inspirieren lassen. Wenn man aber die Geschichte von Mama kennt, wirkt es plötzlich nicht mehr nur wie ein ungewöhnlicher Effekt. Für mich klingt es heute, als würde die Figur, die Collins in diesem Moment verkörpert, immer mehr die Kontrolle verlieren.
Das Lachen kannte ich seit 40 Jahren. Was es innerhalb dieser Geschichte bedeuten könnte, entdecke ich erst heute.
Tonight, Tonight, Tonight: Ein Gefühl von damals
Und dann gibt es noch Tonight, Tonight, Tonight. Wieder ein Genesis-Song, den ich seit meiner Jugend kenne. Auch hier wusste ich damals nicht wirklich, worum es geht. Trotzdem hatte dieses immer wiederkehrende „Tonight“ für mich schon damals etwas Merkwürdiges. Ich hatte dabei immer dieses Gefühl von:
Heute Nacht. Vielleicht zum letzten Mal.
Warum, hätte ich damals wahrscheinlich gar nicht erklären können.
Heute weiß ich, dass der Song von Drogenabhängigkeit handelt. Von einem Menschen, der verzweifelt den nächsten Fix sucht und gleichzeitig aus diesem Kreislauf herauswill. Und plötzlich bekommt dieses „Tonight“ eine ganz andere Schwere.
Was mich daran aber fast noch mehr fasziniert: Mein Gefühl von damals war offenbar gar nicht so falsch.
Ich hatte den Text nicht analysiert. Ich kannte die Geschichte dahinter nicht. Ich wusste nichts über die Gedanken der Musiker bei der Entstehung. Aber offensichtlich hatte mir die Musik trotzdem etwas davon erzählt.
Vielleicht ist das überhaupt eine der großen Fähigkeiten von Musik. Eine Geschichte steckt eben nicht nur im Text. Sie steckt in einer Melodie, in einem Rhythmus, in der Art, wie jemand singt, in einem Geräusch – und manchmal sogar darin, wo eine Stimme im Raum steht.
Wenn Text, Musik und Klang zusammenkommen
Und genau da kommen für mich diese beiden Dinge wieder zusammen.
Bei Space Oddity entdecke ich, dass selbst die Position einer Stimme im Raum Teil einer Geschichte sein kann. Bei Mama verstehe ich plötzlich, warum mich dieses Lachen schon als Jugendlicher verstört hat. Und bei Tonight, Tonight, Tonight stelle ich fest, dass ein Song mir offenbar schon damals ein Gefühl vermittelt hat, dessen eigentliche Geschichte ich erst Jahrzehnte später verstanden habe.
Seitdem passiert mir das immer häufiger. Ich lege etwas auf, das ich vermeintlich in- und auswendig kenne, und höre plötzlich irgendein Detail, das mir früher nie aufgefallen ist. Dann werde ich neugierig. Wer hat das produziert? Wie wurde es aufgenommen? Warum wurde es so abgemischt? Und schließlich: Was erzählt dieser Song eigentlich?
Plötzlich gehören für mich Text, Musik, Aufnahme, Produktion und Klang zusammen.
Und aus einem Song, den ich vielleicht hundertmal gehört habe, wird tatsächlich noch einmal etwas Neues.
Das ist für mich mittlerweile fast genauso spannend wie neue Musik zu entdecken. Vielleicht manchmal sogar spannender. Denn bei diesen alten Songs kommt noch etwas dazu, das eine Neuerscheinung gar nicht haben kann: meine eigene Erinnerung.
Ich weiß noch, wann und wo ich manche dieser Stücke gehört habe. Sie liefen auf Kassetten, später auf CDs, manche auf meinem Sony Walkman. Sie gehören zu bestimmten Zeiten meines Lebens. Und heute sitze ich vor einer völlig anderen Anlage, höre denselben Song – und entdecke darin Dinge und Geschichten, die mir damals völlig entgangen sind.
Der Song hat sich nicht verändert. Aber der Mensch davor schon.
HiFi bringt mich näher an die Musik
Vielleicht ist das inzwischen das Schönste an meinem wiederentdeckten HiFi-Hobby. Natürlich macht es mir immer noch Spaß, etwas zu optimieren, einen Lautsprecher zu bauen oder herauszufinden, ob eine Veränderung tatsächlich hörbar ist. Und wahrscheinlich wird meine Anlage auch nie wirklich „fertig“ sein. 😉
Aber das ist gar nicht mehr das Entscheidende.
HiFi ist für mich kein Technik-Nerd-Thema. Im Gegenteil. Es hat mich wieder näher an die Musik gebracht.
Ich entdecke heute ständig neue Künstler und neue Alben. Gleichzeitig entdecke ich aber auch die Musik wieder, die mich schon seit meiner Jugend begleitet.
Und manchmal ist diese zweite Entdeckung fast noch spannender als die erste.
Die Songs sind noch dieselben. Aber ich höre heute anders zu.
Hintergründe zu Genesis: Bandinterview von 1983 · Rhino: Tonight, Tonight, Tonight.


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