Clemens Christian Poetzsch – Noctunes: Wenn ein Klavier allein genügt

Von · persönliche Hörerfahrungen auf Klanggeschichten

Schwarze Vinylplatte mit grünem Noctunes-Covermotiv und großer weißer Serifenschrift direkt auf dem Label: Clemens Christian Poetzsch – Noctunes.

DIE GESCHICHTE IN KÜRZE

Ein Mann, ein Klavier und elf nächtliche Erinnerungen. Warum mich Clemens Christian Poetzschs Noctunes an Keith Jarrett erinnert und London, Porto und Beirut besonders berühren.

Diesmal ist meine Platte der Woche etwas völlig anderes. Keine außergewöhnliche Stimme, keine treibenden Rhythmen, keine aufwendig arrangierten Popproduktionen. Sondern im Wesentlichen ein Mann und sein Klavier.

Clemens Christian Poetzsch heißt der Pianist, und sein Album Noctunes, erschienen am 9. Oktober 2026, erinnert mich stellenweise an eine Aufnahme, die für mich zu den großen Klavieralben gehört: Keith Jarretts legendäres The Köln Concert von 1975.

Nicht, weil die beiden gleich klingen. Sondern weil sie etwas schaffen, das ich bei guter Klaviermusik besonders mag: Man hört zu, verliert sich langsam in den Melodien und merkt irgendwann, dass man ganz in dieser Musik versunken ist.

Noctunes: Wenn der Klang des Klaviers zur Geschichte wird

Was mir bei Noctunes sofort auffiel, war der Klang des Klaviers. Ich mag Aufnahmen, bei denen man den Anschlag wahrnimmt. Wenn die Töne nicht einfach nur schön klingen, sondern man das Gefühl hat, ganz nah am Instrument zu sitzen. Wenn man hört, wie ein Ton entsteht, im Raum steht und langsam wieder verschwindet.

Aber auch musikalisch hat mich Poetzschs Platte überrascht. Seine Stücke sind unglaublich melodisch, manchmal fast schlicht. Sie entwickeln sich ganz selbstverständlich, ohne dass man das Gefühl bekommt, hier wolle jemand unbedingt zeigen, wie virtuos er spielen kann.

Bei manchen Klavierkonzerten empfinde ich die Musik irgendwann als anstrengend. Nicht weil sie schlecht wäre, sondern weil sie sehr viel Aufmerksamkeit fordert. Hier ist das anders: Diese Musik fesselt mich, ohne mich anzustrengen.

Elf Städte, elf Erinnerungen

Poetzsch war in den vergangenen Jahren auf zahlreichen Konzertreisen unterwegs. Oft blieb ihm erst nach einem Auftritt Zeit, die jeweilige Stadt kennenzulernen. Dann war es bereits Nacht.

Er streifte durch fremde Straßen, sammelte Eindrücke, machte Fotos und Notizen. Aus diesen Erinnerungen entstanden schließlich elf kleine Klavierstücke. Porto, London, Athen, Prag, Amman oder die Nordseeinsel Spiekeroog – jeder dieser Orte hat eine eigene musikalische Erinnerung bekommen.

Und wenn man das weiß, hört man nicht mehr einfach nur Klaviermusik. Man hört einen nächtlichen Spaziergang und kleine Geschichten, die ganz ohne Worte auskommen.

Drei Stücke, die mir besonders gefallen

Wenn ich drei Stücke hervorheben soll, sind es Noctune: I. Porto, Noctune: II. Beirut und Noctune: VII. London. Gerade an ihnen merke ich, wie sehr mich diese ruhige, melodische Musik in ihren Bann zieht. Es sind keine spektakulären Effekte, sondern kleine musikalische Gedanken, denen ich gerne folge.

Ein Klavier, ein Raum und der richtige Moment

Während frühere Alben in großen Studios entstanden, nahm Poetzsch Noctunes an seinem eigenen Klavier in seinem eigenen Studio auf. Viele Stücke entstanden aus spontanen Improvisationen – und genau das finde ich, hört man.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mir der Klang so gefällt. Man hat das Gefühl, nicht einer perfekt inszenierten Konzertproduktion zuzuhören, sondern einem Musiker, der an seinem Instrument sitzt und seinen Gedanken freien Lauf lässt.

An einigen Stellen kommen dezente elektronische Klänge hinzu, zum Beispiel beim Stück V. Leipzig. Doch das Klavier bleibt immer der Mittelpunkt.

Meine persönliche Empfehlung

Was für mich bleibt

Ich weiß, dass solche Musik nicht jedermanns Sache ist. Man muss sich ein wenig darauf einlassen. Vielleicht sollte man auch nicht ständig etwas anderes nebenbei machen.

Aber wenn ich Noctunes laufen lasse, passiert eben das, was ich an Musik besonders liebe: Ich werde ruhiger, höre immer genauer hin und verliere mich irgendwann ganz selbstverständlich in diesen Melodien.

Und gerade auf einer guten HiFi-Anlage oder mit Kopfhörern macht es Freude, dem Klavier zuzuhören: den Anschlägen, dem Nachklang und den kleinen Nuancen seines Spiels.

Für mich ist Noctunes eine wunderbare Entdeckung. Ein Album, das nicht laut werden muss, um einen zu fesseln. Manchmal genügt eben ein Klavier.

Quellen zum Artikel

Clemens Christian Poetzsch über Noctunes

Neue Meister: Künstlerbiografie und Album

Künstlershop: Entstehung und Instrumentierung

Interview: Wie Poetzsch zur Improvisation fand

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