LOONY – soft thing

Von · persönliche Hörerfahrungen auf Klanggeschichten

Platte der Woche: LOONY – soft thing. Schwarze Vinylplatte mit violettem Covermotiv als rundem Label.

DIE GESCHICHTE IN KÜRZE

Platte der Woche: LOONY hat mich mit soft thing überrascht. Acht Songs zwischen Soul, Jazz und R&B – und eine kleine Klangwelt, in der hinter ihrer Stimme ständig etwas Neues passiert.

Manchmal stößt man eher zufällig auf eine Platte und merkt nach wenigen Minuten: Hier passiert musikalisch irgendetwas Besonderes.

So ging es mir mit LOONY und soft thing. Ich kannte sie vorher nicht. Aber schon beim ersten Hören fiel mir auf, wie ungewöhnlich diese Musik inszeniert ist. Mal jazzig, mal sphärisch, dann Soul, R&B oder Gospel – und im Hintergrund passiert ständig etwas. Rhythmen verändern sich, Instrumente kommen und verschwinden wieder, Stimmen werden übereinandergelegt, Räume öffnen sich. Die Songs wirken dabei überhaupt nicht überladen, obwohl sie musikalisch teilweise erstaunlich komplex gebaut sind.

Und dann habe ich angefangen nachzulesen – und plötzlich versteht man besser, warum diese Platte so geworden ist.

LOONY und ihre kleine Klangwelt

LOONY heißt eigentlich Kira Huszar, kommt aus Toronto und ist mit Soul, Jazz, Gospel, Hip-Hop und R&B aufgewachsen. Sie selbst sagt, dass diese unterschiedlichen Einflüsse deshalb ganz selbstverständlich in ihrer Musik auftauchen.

soft thing erschien am 24. Juni 2021, hat acht Songs und dauert gerade einmal knapp 25 Minuten. Je nach Plattform wird es als Album oder EP geführt; LOONY selbst sprach damals von einer EP.

Und die entstand unter ziemlich außergewöhnlichen Bedingungen.

Ein Haus, ein Studio und viel Zeit

Mitten in der Corona-Zeit beschlossen LOONY und ihre beiden wichtigsten Produzenten Akeel Henry und Adam Pondang, gemeinsam in ein Airbnb zu ziehen. Sie bauten sich dort ein improvisiertes Studio auf und lebten und arbeiteten zusammen. Morgens aufstehen, Musik machen, ausprobieren. Sie glaubten zunächst, nach diesem ersten gemeinsamen Aufenthalt wäre die Platte fertig. War sie aber nicht. Also kamen sie für weitere Aufenthalte wieder zusammen – insgesamt zwei- oder dreimal. Henry erzählte später sogar, sie hätten für Monate gemeinsam in einem Haus gelebt und dort versucht, den richtigen Sound zu finden.

Und wenn man das weiß, hört man die Platte irgendwie anders.

Denn soft thing klingt für mich nicht wie acht Songs, die einzeln produziert und anschließend zu einer Platte zusammengestellt wurden. Es wirkt eher wie eine kleine musikalische Welt, die diese Leute gemeinsam gebaut haben.

LOONY wollte sogar ausdrücklich, dass die einzelnen Songs unterschiedlich klingen und trotzdem als Ganzes funktionieren. Sie bezeichnete das sinngemäß als den Versuch, das Chaos zu ordnen. Und genau das beschreibt die Platte ziemlich gut.

Eine Beziehung als roter Faden

Auch inhaltlich gibt es einen roten Faden. Durch die Isolation während Corona begann sie darüber nachzudenken, was ihr wirklich wichtig ist – und kam immer wieder bei menschlichen Beziehungen an. Daraus entstand die Idee, den Aufstieg und Fall einer Beziehung von Anfang bis Ende zu erzählen. Sie überarbeitete Songs, verschob sie und betrachtete sie wie Puzzleteile, bis diese Geschichte funktionierte.

Dazu passt eine schöne Anekdote: Ihr Produzent Akeel Henry hatte sie zuvor immer wieder damit aufgezogen, dass ihre Songs so deprimierend seien und sie offenbar überhaupt keine Liebeslieder schreiben könne. LOONY stellte fest: Eigentlich hatte er recht. Und plötzlich entstand ausgerechnet daraus ein ganzes Projekt über Liebe, Nähe und Verletzlichkeit.

Mein Einstieg in die Platte war „beg“. Aber man sollte soft thing eigentlich wirklich komplett hören. „royal flush“, „be cool“, „mine“, „raw“, „ours“, „either side“ und schließlich „faceless“ – in 25 Minuten ist man einmal durch diese kleine Welt hindurch. LOONY selbst nennt „raw“ und „faceless“ als ihre persönlichen Favoriten; „beg“ habe für sie ebenfalls einen besonderen Stellenwert.

Und raw hat Jahre später noch eine erstaunliche zweite Geschichte bekommen: Der Song wurde für „just like me“ von 21 Savage, Burna Boy und Metro Boomin gesampelt. Aus dieser während der Pandemie entstandenen kleinen Produktion wurde damit plötzlich Material für eine völlig andere musikalische Welt.

Was eine gute Anlage hörbar macht

Was mir an soft thing aber besonders gefällt: Das ist für mich eine Platte für eine gute Anlage – nur nicht im üblichen audiophilen Sinne.

Es geht gar nicht darum, dass hier jedes Instrument spektakulär realistisch aufgenommen wurde. Eine gute Anlage lässt vielmehr hören, wie diese Musik inszeniert wurde. Die vielen Ebenen, kleine Geräusche und Verschiebungen, die Stimmen, der Bass, die räumliche Staffelung und die Instrumente, die manchmal nur kurz auftauchen. Je besser die Anlage das auseinanderhalten kann, desto interessanter wird die Platte.

Leider hat mich das, was LOONY danach veröffentlicht hat, noch nicht auf dieselbe Weise gepackt. Interessanterweise liegt das nicht einfach an einem Produzentenwechsel. Akeel Henry und Adam Pondang arbeiteten auch später wieder mit ihr. Aber diese besondere Situation von soft thing ließ sich wohl kaum reproduzieren: wenige Menschen, gemeinsam in einem Haus, viel Zeit und die Möglichkeit, so lange an einer kleinen Klangwelt zu basteln, bis alles zusammenpasst.

Vielleicht war es einfach dieser eine Moment, diese Menschen und diese ungewöhnlichen Umstände.

Was für mich bleibt

25 Minuten bewusst zuhören

Und genau deshalb diesmal meine Empfehlung: soft thing nicht einfach nebenbei und möglichst auch nicht auf Shuffle hören. Es sind nur knapp 25 Minuten. Wenn möglich auf einer guten Anlage oder mit guten Kopfhörern – und einmal darauf achten, was neben und hinter LOONYs Stimme alles passiert.

Ich bin eher zufällig auf diese Platte gestoßen. Nachdem ich ihre Geschichte kenne, finde ich sie noch hörenswerter. Manchmal muss man eben wissen, wie Musik entstanden ist, um zu verstehen, warum sie so besonders klingt.

Quellen zum Artikel

LOONY im Interview mit The Pit London

LOONY bei Atwood Magazine

Bildhinweis: Gestaltung von Klanggeschichten, KI-bearbeitet. Das Motiv auf dem Plattenlabel basiert auf dem Originalcover von LOONY – soft thing. Bildquelle: offizielle Albumseite.

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